Nachruf auf Michael Gielen

Der Gigant zwischen Beethoven und Moderne

Michael Gielen (Archivbild). FOTO: obs / SWR - Südwestrundfunk

Der bedeutende Dirigent Michael Gielen ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Eine Würdigung.

Mühsamer, ächzender, unfroher waren die Götter noch nie zu ihrer neuen Burg geschritten. Ruth Berghaus, die Regisseurin, hatte ihnen klobige Kothurne unter die Füße geschnallt, die Treppenstufen waren fast unerreichbar hoch – und die Burg war kein Palast, sondern ein leicht gekippter, zylindrischer Krater, in dem es goldgelb brodelte wie Lava. Dies war das grandiose Finale aus dem Frankfurter „Rheingold“ 1985.

Zum Ereignis wurde es, weil auch Michael Gielen den Göttern keinen schlanken Fuß machte. Der als Sachwalter des Zügigen bekannte Dirigent spreizte alle Kräfte in die Breite, das Tempo wurde wunderbar behäbig und entlarvte die Götter als präpotente Brut, dem kein Entkommen gestattet werden durfte.

Zuvor hatte Gielen seinen Wagner von aller Schwere und allen Dehnungen befreit. Hier sprach der Mythos leicht wie im Parlando und wenn ein Leitmotiv aufflammte, war es kein tintendickes Ausrufezeichen, sondern ein Leuchtfeuer, das den Hörer warnte, lenkte und leitete. Gielen hatte durchaus das Zeug zum Rechthaber – und wer je mit ihm über Partituren diskutierte, fühlte sich bad wie ein gestutzter Lehrling.

(w.g.)
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