Grönemeyer-Konzert in Köln

Landsleute im Rausch

Herbert Grönemeyer beim Tour-Auftakt in Kiel. FOTO: dpa / Carsten Rehder

Herbert Grönemeyer gab das erste von zwei ausverkauften Konzerten in der Kölner Arena. Der Abend zeigte: Dieser Künstler ist in Deutschland das Maß aller Dinge.

Wenn man den Nachgeborenen in Hundert Jahren erklären müsste, wie die Deutschen so gewesen sind im Jahr 2019, bräuchte man nur zwei Sachen mitzubringen: eine DVD des Films „Der Junge muss an die frische Luft“ nach Hape Kerkelings Buch und einen Mitschnitts dieses Konzertabends in Köln. Den könnte man übrigens auch gleich jetzt schon an Annegret Kramp-Karrenbauer schicken. Die Deutschen seien das verkrampfteste Volk der Welt, hat die CDU-Vorsitzende neulich gesagt. Und vielleicht überdenkt sie den Kommentar, wenn sie sieht, was in der Halle los ist, als die ersten Takte des Lieds „Männer“ zu hören sind. Eine Nation ins Ekstase, Landsleute im Rausch.

Herbert Grönemeyer tritt in der Kölner Arena auf, es ist der erste von zwei Konzertabenden vor je 16.000 Fans. Und die sind von der 15. Sekunde an hin und weg, völlig ergeben, man kann es nicht anders sagen. Der 62-Jährige kommt zu dem neuen und sehr feinen Stück „Sekundenglück“ auf die Bühne, eigentlich kein klassischer Eröffnungssong für solch ein großes Konzert. Aber Grönemeyer gelingt es, Intimität herzustellen. Die Menschen winken, sie singen mit. So etwas erlebt man in dieser Intensität selten.

Die Bühne ist relativ klein, es gibt kaum Projektionen, die ablenken von der Musik. Acht Musiker begleiten Grönemeyer, und sie sind gut eingespielt, sie stützen den Sänger wie ein Rückgrat. Grönemeyer-Lieder erkennt man an den ersten Tönen. Das ist musikalisch kaum zu erklären, jedenfalls nicht musikalisch im Sinne von Notenfolge oder so etwas. Es geht bei diesem Wiedererkennen vielmehr um den Raum zwischen den Tönen. Da ist sowas drin, was in Deutschland wohl nur er da hineinbekommt: etwas Herzliches, Zugewandtes, Bejahendes, Allgemein-Gültiges. Das Leben. Die Leute kennen jedes Wort, und Grönemeyer übergibt denn auch fast jedes Lied an sein Publikum. Bei „Alkohol“ singt er bloß „Not“, alle anderen singen: „Alkohol ist ein Sanitäter in der“. Deutschland so scheint es, besteht aus 82 Millionen externen Festplatten, auf denen Grönemeyer-Songs gespeichert sind.

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