Zur Leipziger Buchmesse

Niemand ist eine Bohrinsel

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Anja Kampmann. FOTO: Juliane Henrich/Hanser Verlag / Juliane Henrich

Saarbrücken. „Wie hoch die Wasser steigen“, das Romandebüt von Anja Kampmann, ist für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Ölplattformen gehören zum Reich der Männer, ebenso wie die damit verbundenen technischen Begriffe: Bohrklein, Drillfloor, Rig-Manager. Aber Offshore-Plattformen sind, wie man etwa aus „Breaking the Waves“ weiß, auch Förderanlagen und Pipelines für Träume, Sehnsüchte, ja spirituelle Erfahrungen. In Anja Kampmanns bemerkenswertem Debütroman ist die Bohrinsel ein Sinnbild für die Entwurzelung der Arbeitsnomaden in der globalisierten Ökonomie. Kampmann erzählt von Heimats- und Identitätsverlust, ohne romantisch-sentimental oder soziologisch abstrakt zu werden: Sie vertraut ganz auf die poetische Kraft ihrer Sprache.

Als in einer stürmischen Nacht auf dem Atlantik der ungarische Ölarbeiter Matyás über Bord gespült wird, kümmert sich niemand darum. Solche Unfälle gehören zum Alltag; an Glücksrittern und Abenteurern, die schnell Geld verdienen wollen, fehlt es nie. Nur einer vermisst Matyás: Sein bester Freund Wenzel oder Waclaw Groszak, ein Wanderarbeiter, der nicht einmal in seinem Namen beheimatet ist. Als Deutscher im Ruhrgebiet aufgewachsen, ging er der Liebe wegen zurück nach Polen, wurde Fernfahrer und zog irgendwann von einer Bohrinsel zur nächsten: Mexiko, Schottland, Faröer, Marokko. Wenn schon nicht den Körper, will er jetzt wenigstens Matyás‘ letzte Habseligkeiten nach Hause bringen.

Wenzels langsame Heimkehr ist, wie seine Arbeitsbiografie, eine ziellose Odyssee: Tanger, Malta, Zypern, Budapest, Rom und weiter nach Norden. Wo soll er „Heimat“ suchen und finden, wenn nichts mehr ist, wie es einmal war? In Südtirol nimmt Wenzel bei einem Arbeitskollegen seines Vaters eine Brieftaube in Empfang, die er jenseits der Alpen freilassen soll. Es ist ungewiss, ob sie je in ihren Schlag heimfinden wird. Auch Wenzel hat kein Zuhause mehr. Die Esse, die Zechenlandschaft um Bottrop, wo er (wie Kampmanns Eltern) als Kind auf den Abraumhalden spielte und sein Vater unter Tage seine Gesundheit ruinierte, ist verschwunden. Die alte, stolze Bergmannskultur mit ihren Ankern – Kirmes, Karneval, rauchende Schlote, Eckkneipe, Reihenhäuschen, Taubenzuchtverein „RV Kehre wieder“: abgerissen, erloschen, stillgelegt. Wenzel fährt weiter Richtung Osten, zu seiner polnischen Freundin Milena, aber die beiden haben sich längst entfremdet. „Du bist in der ganzen Welt und ich bin in einem Dorf“, sagt sie, „das geht nicht.“ Milena wollte, wie Kant, ein „inneres Königsberg“ retten, jetzt liegt sie nach einem Unfall im Koma. Wenzel wollte es zu etwas bringen, heraus aus dem Mief, in die Ferne, und verlor sich in der Welt draußen. Niemand ist eine Bohrinsel. Aber nicht nur die Tauben haben ihr „Heimfindevermögen“, ihren inneren Kompass verloren.

top