Goncourt-Preisträger

Die blauen Flecken auf der Seele

Die Umzugskisten sind noch nicht ausgepackt: Nicolas Mathieu (40) vor einigen Tagen in seiner Wohnung in Nancy. Mit „Les enfants après eux“ gewann er im Herbst 2018 Frankreichs wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt. FOTO: Astrid Karger

Nancy. Begegnung mit dem in Nancy lebenden Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, der nächste Woche in Saarbrücken liest.

Nicolas Mathieu sagt, seit er denken kann, höre er das Wort „Krise“. 1978 wurde er in der Vogesenstadt Épinal geboren, im November erhielt er für seinen zweiten Roman „Leurs enfants après eux“ den „Prix Goncourt“, Frankreichs wichtigsten und prestigeträchtigsten Literaturpreis. Mathieu lebt in Nancy, ist gerade umgezogen, die Kartons sind noch nicht ausgepackt. In den 90er Jahren war er jung und wie vielerorts junge Menschen bekam er mit, dass Aufstiegsversprechen nicht mehr galten, dass mit dem Niedergang großer Industriezweige auch die Arbeiterklasse verschwand, die Identität als Rückgrat der Gesellschaft. Der Mythos von Feuer und Stahl verkam zur Nostalgie. „In jedem versifften Kaff hört die Jugend ,Nirvana’, die Band aus der gleichfalls vor sich hinrostenden Stadt Seattle trifft den Nerv der Zeit, indem sie ihren Weltschmerz in Wut, ihren Frust in Dezibel verwandelt“, heißt es in Mathieus Roman.

Er spielt in der fiktiven Stadt Heillange, die leicht als die lothringische  Stahlstadt Hayange zu erkennen ist. Ein Tal, eine Stadt, ein See, vier Sommer, viele Menschen. Der Roman setzt 1992 ein. Anthony, die Hauptfigur, ist 14 Jahre alt. Und weil im Sommer alle irgendwie unterwegs sind, See und Badekleidung die Standesunterschiede verwischen, begegnet er Stéphanie. Er ist das Arbeiterkind, dessen Eltern mit Eigeninitiative dem Niedergang trotzen, sie die Tochter eines arrivierten Autohändlers mit Villa und bald auch einem Swimming Pool. Er hat letztlich keine Chance bei ihr; „Stéph“ wiederum erliegt der Illusion, von Simon, dem Spross einer weit verzweigten Familie, die überall in Frankreich hohe Beamtenposten oder ähnliche Stellungen innehat, als „offizielle Freundin“ wahrgenommen zu werden. Die Romanfiguren erkennen ihresgleichen oder eben nicht ihresgleichen an Kleinigkeiten, den Schuhen, der Art zu gehen oder daran, dass sie ihre Spaghetti kleinschneiden.

In der noch kurzen Rezeptionsgeschichte seines Romans seit Herbst 2018, erzählt Mathieu, begegne er immer wieder der Auffassung, dieser handle von arbeitslosen Alkoholikern in einer demoralisierten, heruntergekommenen Schmutzwelt. Das ist wohl ein bisschen der Blick von Paris auf Restfrankreich, auf die Provinz – hier den finsteren Osten, der immerhin noch eine Art Gruseleffekt vorhält. Tatsächlich aber wird das dem Roman nicht gerecht. Mathieu entwirft vielmehr ein sehr fein gezeichnetes gesellschaftliches Panorama, in dem alle Platz finden – die im Ausleseverfahren gewonnene Elite, die alles richtig gemacht hat, der abstiegsbedrohte Mittelstand und schließlich Menschen, die so sehr am Rande der Gesellschaft leben, dass man sie sich nur ganz selten in irgendwelchen Ecken herumdrücken sieht.

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