Neue Hermann-Röchling-Biografie

Der Regionalkapitalist als Wilhelm-Busch-Figur

Saarbrücken. Wolfgang von Hippel hat eine mehr als 1000-seitige Biografie über den Völklinger Großindustriellen Hermann Röchling vorgelegt.

Als 2014 in Völklingen das Röchling-Buch von Dieter Gräbner, es ist im St.Ingberter Conte Verlag erschienen, vorgestellt wurde, hielt Oskar Lafontaine eine Einleitungsrede. Lafontaine gab sich informiert und kritisch, er einnerte an die Verehrung des Industriellen auch in der Arbeiterschaft, die für ihn ein Ausdruck von „falschem Bewusstsein“ war, weil ein Arbeiter nicht dieselben Interessen habe wie ein Unternehmer. Man hätte jedoch bereits damals erwidern können, dass ein falsches Bewusstsein immer nur die anderen haben – selten man selbst, und nie Oskar Lafontaine.

Wer den Gefahren von vorschnellen Urteilen und von zur Schau getragener Meinungsfreudigkeit entgehen will – wenn es sich um Röchling handelt, ist das eine standardisierte Praxis – , kann seit kurzem zu einer faktenreichen Überblicksveröffentlichung greifen, sie ist fast 1100 Seiten dick, hat mehr als 3500 Fußnoten und ist so schwer wie eine Kurzhantel. Vorgelegt hat sie mit Wolfgang von Hippel ein emeritierter Professor für Neuere Geschichte, der an der Uni Mannheim lehrte und vor allem bekannt ist für den Band „Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit“, seit 1995 lieferbar innerhalb der Reihe „Enzyklopädie deutscher Geschichte“.

In der Vorrede weist der Autor darauf hin, dass sich die Publikation „dem Wunsch der Firma Röchling“ verdankt, die „vielfach umstrittene Persönlichkeit“ des Saarindustriellen in ihren Facetten nachzuzeichnen. Es scheint also um eine Ausleuchtung der dunklen und hellen Eigenschaften eines Menschen zu gehen. Der Quellenfundus in der Hauptverwaltung der Völklinger Firma stand dem Forscher offen, der aber betont, dass sowohl im Familien- als auch im Unternehmensarchiv wichtige Akten fehlen, beispielsweise die Korrespondenz mit Hitler, Goebbels und Göring, aber auch Dokumente über die Annexion lothringischer Stahlwerke während des Zweiten Weltkriegs. Es ist bekannt, dass auf Weisung Röchlings ihn belastende Indizien im Herbst 1944 vernichtet wurden.

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