Hörl-Skulpturen in Völklingen

„Ich sah überall diese kleinen Arbeiter“

Noch ein liegender Riese: Konzeptionskünstler Ottmar Hörl prüft am Montag die Gurte an seiner Arbeiter-Großskulptur, die jetzt vor dem Völklinger Weltkulturerbe steht. Rechts (mit Schirm): Welterbe-Chef Meinrad Maria Grewenig. FOTO: Oliver Dietze

Völklingen. Seit gestern hat das Völklinger Welterbe ein großes und 100 kleine Arbeiterdenkmale. Geschaffen hat sie der Konzeptkünstler Ottmar Hörl.

Für den Hüttenarbeiter ist es in Völklingen am Montag fünf vor Zwölf. Die Schlinge hat er auch schon um den Hals. Seinem Schöpfer, Ottmar Hörl, gefällt das. Arbeitet er doch gerne mal nach Sprichwörtern, diesen eingedampften Lebensklugheiten, die seine Oma ihn schon lehrte. So trug er bereits 10 000 Eulen nach Athen – zu den Olympischen Spielen 2004 war’s, von Mercedes bezahlt. Und er lässt die Deutschen seit Jahren ihre Hände in Unschuld waschen, mit Hörls Seifendose und Unschuldseife. Gut 70 000 erkauften sich bereits die künstlerische Waschung (signiert macht das 17 Euro). Die offizielle Auflage endet aber erst bei 82 Millionen. Da könnte also noch manche Unschuld eingeseift werden.

Jetzt jedoch hat Hörl, der von Kanada bis Südkorea viel beauftragte Großmeister des Seriellen und Professor an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste, für manche aber auch bloß der Figurenaufsteller der Nation, im Völklinger Weltkulturerbe zugeschlagen. „Second Life“ heißt sein Projekt mit 100 knapp ein Meter kleinen Hüttenarbeitern aus Kunststoff, die er im gewaltigen Areal des Alten Eisenwerks postierte. Dort, wo Besucher hindürfen, aber auch dort, wohin man nur mit Augen wandern darf. Lotsen, Begleiter, Gedankenanstoßer sollen die Plastikkameraden sein, kleine Kerle in Orange, Gold und Blaugrün. Dazu kommt noch ihr großer Bruder, der nun vor dem Hütten-Eingang wacht. Knallorange, samt Sockel 6,20 Meter hoch. Damit überragt er übrigens die neue, von Chinesen finanzierte Marx-Skulptur, die Ende der Woche in Trier enthüllt wird, um einen Meter. „Rein zufällig“, murmelt Welterbe-Chef Meinrad Maria Grewenig, als sei’s ihm unangenehm. Freut sich dann aber doch, dass sein Arbeiter-Monument jenes für den Chefideologen der Arbeiterklasse toppt.

Der Trierer Marx allerdings ist ein altmodischer Mann aus Metall, Hörls Schaffer modern aus Fieberglas geboren. Als es dem Riesen kurz vor Montagmittag an den Kragen geht, der Kran die Schlinge umlegt, um ihn aufs Postament zu hieven, und noch dazu der Wind zerrt, kommen aber Zweifel auf. Hält der Kunstfaser-Hals? Kurz nach High Noon aber steht er. Fest verschraubt. Und wankt nicht mehr. Ottmar Hörl bleibt bei der Chose eindeutig der Gelassenste von allen. Der 67-Jährige zieht nur mal lässig wie Clint Eastwood am Zigarillo. „Klappt schon“, meint er, die weltweite Routine öffentlicher Kunstaktionen intus. Tatsächlich als Bildhauer geschaffen hat Hörl nur das Muster des kleinen Werktätigen. Ähnlich wie Puppenköpfe wurden danach seine Kollegen gegossen. Der Goliath dagegen kommt als Spezialanfertigung aus Polen. In Deutschland wär’s viel teurer geworden, räumt Grewenig ein. Auch das gehört zur Wirklichkeit in der Arbeitswelt 2018.

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