Gesellschaftspolemik fordert Desintegration

Schluss mit dem Integrationstheater!

Deutsche wiesen Juden die Rolle zu, ihnen ihre „Wiedergutwerdung zu bestätigen“, schreibt Max Czollek. Unser Bild zeigt einen Gläubigen mit Kippa. FOTO: dpa / Fredrik von Erichsen

Saarbrücken. Max Czolleks Streitschrift „Desintegriert euch!“ ist ebenso radikal wie diskussionswürdig.

Welche Rolle wird Juden (und Migranten) von der deutschen Mehrheitsgesellschaft heute zugeschrieben und was sagen diese Rollen und Etikettierungen eigentlich über die Deutschen selbst aus? Interessante Frage! Der junge Politikwissenschaftler und Jude Max Czollek (Jahrgang 1987) rückt sie ins Zentrum einer durchaus diskussionswürdigen Streitschrift. Bereits in seiner Einleitung macht Czollek klar, dass er den gängigen Integrationsappellen an hier lebende Minderheiten, sich gefälligst möglichst umfassend zu assimilieren, lieber ein „Desintegriert euch!“ entgegenzuschleudern gewillt ist. Um damit zugleich „die Schneekugel des deutschen Selbstverständnisses durch(zu)schütteln“.

Wie es sich für eine Polemik gehört, ist Czollek dezidiert nicht um Ausgleich bemüht („Brücken interessieren mich in diesem Buch nicht“), sondern will vielmehr dem, was er ein kollektives „Integrationstheater“ nennt, den Boden entziehen. Die heute knapp 100 000 in Deutschland lebenden Juden würden seit Jahrzehnten dazu missbraucht, „die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen“. Diese inszenierten sich nicht nur als „Erinnerungsweltmeister“, sondern ließen – Stichwort AfD oder Leitkulturdebatte oder Heimatverklärung – peu à peu zugleich ein völkisch-nationalistisches Denken wieder Eingang in den politischen Mainstream finden.

Lassen wir mal beiseite, dass Czollek bei der Unterfütterung dieser Grundthese die nötige Differenzierung vermissen lässt. Etwa, wenn er den kollektiven WM-Taumel von 2006 quasi in einer Linie mit dem AfD-Aufkommen betrachtet. Oder er arg holzschnittartig den 68ern in toto unterstellt, vor lauter „Lust am Vatermord“ nur die Vergangenheit seziert zu haben, um sich selbst eine Generalabsolution zu erteilen. Und dann zugleich eine „Opfererinnerung“ zu konstruieren, „bei der die Nazis in der eigenen Familie zu Opfern und Helden umgestaltet“ wurden. Seine Ausgangshypothese jedoch, dass sich das deutsche Selbstbild wesentlich vermittels kultureller Ausgrenzung von Minderheiten definiert, lässt sich nicht so leicht abtun. Trifft es nicht zu, dass dieses „Wir-und-Ihr“-Spiel der Stabilisierung der vorhandenen Dominanzkultur äußerst dienlich ist? Seit die AfD zur festen parlamentarischen Größe geworden sei, hätten auch etablierte Parteien plötzlich wieder ihre „Heimatliebe“ entdeckt, folgert Czollek.

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