„Der Sturm“ am Saarländischen Staatstheater

Ränke, Rache, Ruchlosigkeit

Hoch die Tassen: Ein Familienfest, das langsam aus dem Ruder läuft. Das Bühnenbild stammt von Ralf Käselau. FOTO: Martin Kaufhold / SST / Martin Kaufhold

Saarbrücken. „Der Sturm“ hatte am Samstag Premiere im Saarländischen Staatstheater. Frank Martins Oper nach Shakespeare hat nicht jedem gefallen.

Gleich zu Anfang scheinen über den Köpfen mancher Zuschauer dicke Fragezeichen zu schweben. Man sieht ein Familienfest: Maskierte, kränklich blasse Gestalten mit schwarzgeränderten Augen tummeln sich auf einer Art Gartenparty zwischen gedeckten Tafeln und geraten allmählich ins Straucheln. Im Hintergrund ragt ein gewaltiger Baum; zwischen Laternenmasten spannen sich Wäscheleinen, von denen bunte Glühbirnen baumeln.

Nur ein aufkommender Wind, die nervös auf und ab tänzelnde Hebebühne, die flackernden Lichter, die zunehmend dräuende Musik und vor allem die Texte entlarven, dass es sich hier eigentlich um eine Schiffsbesatzung handelt, die in Seenot gerät – ein Sturm, auf Geheiß des magischen Fürsten Prospero entfacht vom Luftgeist Ariel, lässt das Schiff an Prosperos Insel stranden, die durch exakt die gleiche Szenerie repräsentiert wird. „Hätte man das nicht anders machen können?“, hört man es später in der Pause murren. Ja, man hätte – man muss aber nicht. Denn vielleicht ist es auch genau umgekehrt: Vielleicht ist es wirklich ein Familienfest, und die Gesellschaft wähnt sich lediglich auf einem kenternden Schiff. Wer weiß das schon, wenn Wind- und Nebelmaschine im Dauereinsatz sind.

Denn genau darum geht‘s schließlich in Shakespeares Zauberlustspiel „Der Sturm“: um Verwirrung, um einen irritierenden Taumel zwischen Schein und Sein, Illusion und Realität, Traum und Wirklichkeit. Diesen Anspruch löst Lorenzo Fioronis Inszenierung von Frank Martins gleichnamiger Opernfassung, die am Samstag im Saarländischen Staatstheater Premiere feierte, definitiv ein. Überhaupt lässt Fioronis psychologisierender Zugriff, der sich in Bühnenbild (Ralf Käselau) und Kostümen (Katharina Gault) in einer durchaus witzigen und morbiden Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart äußert, irgendwo zwischen Biedermeier und Tim Burton, reichlich Interpretationsspielraum. Das gefällt nicht jedem: Nach der Pause haben sich die Reihen deutlich gelichtet. Dabei sind die Zuschauer nicht die einzigen, die hier gefordert werden; denn Frank Martins 1956 uraufgeführte Oper in drei Akten mit dem Original-Libretto der deutschen Shakespeare-Übersetzung von Schlegel/Tieck ist ein (wenig bekannter) Klassiker der Moderne. Als solcher stellt er beträchtliche Ansprüche an Orchester, Chor und Solisten, die hier allesamt vorzüglich erfüllt werden.

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