Ursachenforschung in Sachen Nahost

Wie wird man zum Pulverfass?

Kinder im vergangenen April in Sanaa — in Jemens Hauptstadt tobt seit Jahren ein Stellvertreterkonflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien. FOTO: picture alliance / Hani Al-Ansi/ / Hani Al-Ansi

Saarbrücken. Rainer Hermann, „FAZ“-Journalist und langjähriger Beobachter der Situation im Nahen Osten, zeichnet in seinem Buch „Arabisches Beben“ die diversen Konfliktlagen in der notorischen Krisenregion nach. Selten wurde dieses komplexe  Ursachenbündel umfassender dargestellt.

Zwar leben nur fünf Prozent der Weltbevölkerung in arabischen Ländern, dennoch kommen mehr als 50 Prozent aller Flüchtlinge, die weltweit ihre Heimat verlassen, aus dem arabischen Raum. Dass sich an diesem Aderlass auf absehbare Zeit nichts ändern wird, ist eine der Grundthesen von Rainer Hermanns fundierter Analyse des Nahen Ostens, die der „FAZ“-Journalist unter dem Titel „Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten“ vorgelegt hat. Sieben Jahre nach dem 2011 mit so viel Hoffnung entfachten „Arabischen Frühling“, der fast überall wieder großer Ernüchterung gewichen ist, zieht Hermann eine äußerst kritische Bilanz der aktuellen Situation der arabischen Welt.

Nur in Tunesien gelang ein wirklicher Umbruch. Überall sonst, wo im Zuge der „Arabellion“ Demokratisierung ersehnt worden war, säßen die alten Regime weiterhin (oder wie in Ägypten wieder) fest im Sattel. Vielerorts herrschen Bürgerkriege (in Libyen, Irak, Jemen und allen voran in Syrien, wo die Konfliktlinien zwischenzeitlich „in einen lokalen Weltkrieg“ unter Beteiligung der USA, Russlands, Frankreichs und Großbritanniens und der Türkei ausgeartet sind). Andernorts wird nahezu jede Opposition unterdrückt (Türkei, Iran, Ägypten, Saudi-Arabien), andere Staatengebilde sind in Auflösung begriffen (Irak, Libyen). Kurzum: Es fehlt nicht an Gründen für einen Exodus der arabischen Bevölkerung.

 „Das Vertrauen der Bürger in ihre Regime ist aufgebraucht. Die Regime antworten auf den Ungehorsam mit Repression“, skizziert Hermann diesen Teufelskreis, der mit einem zweiten fast untrennbar verbunden ist: Je mehr die staatliche Bindungskraft verloren geht, umso stärker füllt die Religion dieses Vakuum, wodurch insbesondere die Konfliktlagen zwischen Sunniten und Schiiten weiter befeuert werden. Herrmann prognostiziert daher, der Nahe Osten werde sich erst dann wieder stabilisieren, „wenn die konfessionellen Gräben zugeschüttet und die Faktoren beseitigt sind, die zu den Massenprotesten des Jahres 2011 geführt haben“.

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