Rhetorik-Arena „House of Commons“

Das Kartenhaus an der Themse

Haushaltsdebatte im House of Commons. Weil es für gut ein Drittel der Abgeordneten keine Sitzplätze gibt, herrscht bei wichtigen Sitzungen heilloses Gedränge. Und die meisten Aufnahmen aus dem Hohen Haus sind (wie diese hier) leicht unscharf. Sie stammen von den fest montierten TV-Kameras – ansonsten ist Fotografieren und Filmen im Saal strikt verboten. FOTO: dpa

Die Lust der britischen Politik an der Intrige ist legendär. Ihre Bühne steht in Westminster.

Alles an diesem Ort ist wie gemacht für den Kampf. Das House of Commons, der Sitzungssaal des britischen Unterhauses im Londoner Westminster-Palast, ist eine Arena. Hier wird nicht palavert, hier wird gefochten, wenn auch nur mit Worten. Meistens jedenfalls.

In der Mitte des engen Raums, in dem nur 427 der insgesamt 650 Abgeordneten einen Sitzplatz finden, steht ein massiver Holztisch, an dessen Kopfende der Speaker thront, der Parlamentspräsident. Links und rechts davon klettern mit grünem Leder bezogene Bankreihen treppenartig nach oben. Rechts vom Speaker sitzt die Regierungsmehrheit, links von ihm die Opposition. Wie zwei Armeen, die sich gegenüberstehen. Vor den ersten Bankreihen befindet sich auf dem Teppich jeweils eine handbreite rote Linie, deren Überschreiten den Abgeordneten untersagt ist. Der Sicherheitsabstand dazwischen bemisst zwei Degenlängen – man ahnt schon, warum.

Nun, es steht nicht zu befürchten, dass die hitzige Debatte über den Brexit in dieser Woche wie in vergangenen Jahrhunderten in einem blutigen Waffengang endet. Aber das Unterhaus in London hat sich eine virile Debattenkultur bewahrt, neben der sich die Redebeiträge im Deutschen Bundestag ausnehmen wie zaghaftes Gesäusel. Und dabei gehen den ehrenwerten Abgeordneten auch schon mal so richtig die Gäule durch. So wie dem Tory-Politiker Michael Heseltine, der 1976 während einer Debatte über die Verstaatlichung der Werftindustrie, völlig ausrastete. Provoziert von den hämischen Schmähgesängen linker Labour-Abgeordneter, ergriff Heseltine den während der Sitzungen am Kopfende der Speaker-Tafel abgelegten zeremoniellen Streitkolben, um die Waffe zornig in Richtung des politischen Gegners zu schwingen. Das trug ihm einen scharfen Ordnungsruf des Speakers ein sowie den Spitznamen „Tarzan“, den Heseltine seither freilich trägt wie einen Ehrentitel.

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