Nach aufwühlender Bluttat im August

Chemnitz - es kann jederzeit wieder losgehen

Mit einem massiven Aufgebot begleitet die Polizei den Trauerzug für einen Verstorbenen der rechten Hooligan-Szene in Chemnitz. FOTO: AP / Jens Meyer

Zum Prozessauftakt gegen einen der mutmaßlichen Messerstecher hält die Oberbürgermeisterin die Folgen eines Freispruchs für die Stadt für „schwierig“

So könnte es vielleicht gewesen sein an jenem Sonntag Ende August früh um 3.15 Uhr vor einer Bankfiliale in Chemnitz. Ein 35-jährige Deutsch-Kubaner kommt vom Stadtfest, wird von einem Iraker angesprochen. Es geht um Drogen. Der Chemnitzer sagt, er solle sich verpissen. Es kommt zum Gerangel, in das sich auch ein Syrer einmischt. Die Auseinandersetzungen arten aus. Der Deutsche schlägt zu, der Syrer packt ihn und der Iraker und er stechen nun mit Messern auf ihr Opfer ein, das noch am Tatort stirbt. Wäre es so gewesen und könnte die Staatsanwaltschaft das auch beweisen, dann hätten die Richter im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts in Dresden ein paar Verhandlungstage vor sich. Und Schluss.

Aber mit dem „könnte“ ist Vorsicht geboten, seit kurz nach der Bluttat ein anderer Iraker wegen der angeblichen Tatbeteiligung in Untersuchungshaft kommt und aus der Justiz heraus schnell  der Haftbefehl in der rechten Szene landet. Schuldig mit Name und Adresse. Als Yousif A. nach drei Wochen auf freien Fuß gesetzt und das Verfahren eingestellt wird, weil er nicht das Geringste mit dem Verbrechen zu tun hat, ist das Urteil längst gesprochen.

Gleichzeitig waren die Wogen auf den Straßen der sächsischen Stadt hochgeschlagen. Rechte machten mobil, scheuten auch bis dahin gemiedene Schulterschlüsse zwischen Parteien und Strömungen nicht. Die Parolen wurden mit Angriffen auf ein jüdisches und ausländische Restaurants begleitet. Es gab viel zu beobachten für den Verfassungsschutz. Die ersten Geld- und Bewährungsstrafen wegen Zeigens des Hitlergrußes sind ergangen. Auf der anderen Seite trommelte auch das bunte Chemnitz, holte 65.000 zu einem Rockkonzert in die Stadt. In der Nacht standen sich Rechte und Linke am Tatort gegenüber, getrennt von einem massiven Polizeiaufgebot. Beide Seiten reklamierten den Tatort als Symbol für sich.

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