Bal Populaire zum französischen Feiertag

Ein Stück Heimat am Saarbrücker Schloss

Auch im vorigen Jahrhundert (ein Foto von 1989) wurde in Saarbrücken schon in den französischen Nationalfeiertag hinein getanzt – allerdings blieben die Franzosen eher unter sich. FOTO: Julius C. Schmidt

St. Ingbert/Saarbrücken. Vom Pingusson-Bau bis zum Schlossgarten: Hélène Schmitt aus St. Ingbert besucht seit Jahrzehnten das Fest zum französischen Nationalfeiertag.

Knapp eine Viertelstunde brauchen Heinrich und Hélène Schmitt heute Abend zum Saarbrücker Schloss. Dieser Termin steht fest im Kalender, beziehungsweise auf einem Zettel auf der Innenseite ihrer Haustür in St. Ingbert. „Wir kommen jedes Jahr zum Bal populaire, es sei denn, wir sind krank“, sagt die 86-Jährige. Und auch schon lange, bevor dieser Treff am Schloss ins Leben gerufen wurde, war der französische Nationalfeiertag für die „Saar-Franzosen“ immer ein Grund zum Feiern. „In den 50er Jahren fand zu diesem Anlass immer eine offizielle Feier in der ehemaligen Botschaft im Pingusson-Gebäude statt“, erinnert sich Hélène Schmitt. Damals feierte man aber unter sich. Auf Einladung und mit Dresscode. „Die einzigen deutschen Gäste waren die Offiziellen“, erzählt sie.

Getanzt wurde damals aber schon. In den Jahren danach wurde es ruhiger in der französischen Gemeinschaft. „Nach dem Referendum und der Rückkehr des Saarlandes zu Deutschland wurden wir immer weniger. Viele Soldaten wurden auch in den Algerien-Krieg geschickt. Manche kamen nicht zurück“, berichtet Schmitt. Ihr Freundeskreis blieb aber ziemlich intakt. Die meisten kamen aus dem Kreis St. Wendel, wo Schmitt früher selbst lebte und ihren Mann Heinrich kennenlernte. An einem Tag, an dem neue Kirchenglocken gesegnet wurden. „Ich glaube, die alten waren ja im Krieg zu Kanonen gegossen worden“, sagt Hélène Schmitt und erinnert sich an die erste Begegnung mit ihrem Mann. „Das war während der Ferien, deshalb war ich zu Hause bei meinen Eltern. Sonst wäre ich in Forbach gewesen, dort hatten mich meine Eltern in ein religiöses Pensionat gesteckt.“ Denn als ihre Familie 1947 aus Haute-Savoie zurück ins Saarland zog, konnte Schmitt kein Deutsch. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die bereits vor dem Krieg länger in St. Wendel gelebt hatten. „Ich bin selbst im Saarland geboren, war aber ein Baby, als meine Eltern 1935 ins innere Frankreich zogen. Sie hatten Angst bekommen, nachdem Hitler an die Macht gekommen war.“

Dann musste Heinrich Schmitt seiner zukünftigen Frau eben auf Französisch den Hof machen. Hat ziemlich gut funktioniert, kann man nach stolzen 63 Jahren Ehe sagen. Zu Hause wird bis heute Französisch gesprochen. Die drei gemeinsamen Kinder gingen in Saarbrücken zur Schule und wuchsen zweisprachig auf. Und so war es auch in Schmitts Freundeskreis. Aus der Bretagne, aus Südfrankreich und sogar aus Korsika kamne die Mitglieder der Clique, die sich unter anderem auch jedes Jahr am 14. Juli verabredet. „Wir sind immer alle zusammen gegangen und haben uns darauf gefreut. Die ersten, die da waren, reservierten einfach einen Tisch, an dem wir alle Platz hatten“, schwelgt die Französin in Erinnerungen. Nach der Veranstaltung ginge man noch weg, nicht selten endeten die Ausflüge am frühen Morgen statt am späten Abend. Heute ist es anders. Nach dem Abschlussfeuerwerk ist Schluss und die Schmitts fahren zurück nach St. Ingbert. Aus der damaligen Clique leben neben den beiden nur noch ein Freund. Er ist aber über 90 und traut sich die Autofahrt nach Saarbrücken nicht mehr zu. „Wir kommen jedes Jahr trotzdem gerne, das Essen ist lecker, die Stimmung ist gut und wir treffen dort immer Menschen, die wir kennen, aber es ist nicht mehr das Gleiche“, stellt Hélène Schmitt fest. Schön findet sie hingegen, dass jetzt viele Deutsche zum Bal populaire kommen und zusammen gefeiert wird: „Wir haben letztes Mal sogar unseren Zahnarzt dort getroffen.“

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