Alte E-Mail-Adressen in fremden Händen

Tote Briefkästen sind brandgefährlich

Wer keinen Überblick über nicht mehr genutzte E-Mail-Adressen hat, kann ein böses Erwachen erleben. Haben sich Betrüger Zugang zu den alten Konten verschafft, können schnell fremde Rechnungen ins Haus flattern. FOTO: dpa-tmn / Christin Klose

Wachtberg. Wenn kostenfreie E-Mail-Konten nicht mehr genutzt werden, vergeben viele Anbieter die Adressen irgendwann neu. Das birgt ein großes Risikopotenzial.

Die Deutschen haben zum Internet ein gespaltenes Verhältnis, zeigt eine Umfrage von Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, mit über 2000 Teilnehmern. Zwar halten neun von zehn Deutschen den digitalen Fortschritt für nicht aufzuhalten, doch fast zwei Drittel fürchten, die Kontrolle über ihre Daten zu verlieren. Dass diese Furcht begründet ist, zeigt eine Untersuchung von Informatikern des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE), der Uni Bonn und der TU Graz. Sie warnen vor dem Recycling von Mail-Adressen, von dem kaum ein Internet-Nutzer wissen dürfte, der aber bei vielen großen Anbietern an der Tagesordnung sei. Er ermögliche Identitätsdiebstahl im großen Stil. Mit den so erbeuteten Adressen könnten Kriminelle in anderer Menschen Namen einkaufen oder in den sozialen Medien des Internets Beiträge veröffentlichen. Das Risiko, das von abgelegten und erneut vergebenen kostenlosen E-Mail-Adressen ausgeht, sei „enorm groß“.

Die Mail-Adresse hat für die meisten Internetnutzer die Funktion eines Internet-Ausweises. Sie dient zur Anmeldung in Onlineshops und sozialen Netzwerken. Wer sein Passwort vergessen hat, lässt sich ein neues an seine Mail-Adresse senden. Das ist bequem, aber riskant, warnt das Fraunhofer-Institut. Denn viele Menschen sammelten auf diese Weise im Laufe der Jahre eine Vielzahl von E-Mail-Adressen an, von denen sie eine Reihe bald nicht mehr nutzen – und sich am Ende nicht einmal mehr daran erinnern. Weil diese Adressen bei Nichtbenutzung verfallen und dann bei einer Reihe von Anbietern wiederverwendet werden, bestehe das Risiko, dass Kriminelle solche Konten kapern, warnen die Informatiker.

Bei den zehn großen Mail-Anbietern, die die Forscher untersuchten, schwankten die Zeiträume bis zum Verfall der Adressen extrem. Die kürzeste Frist habe 30 Tage betragen, die längste ein Jahr, erklärt der Informatiker Matthias Wübbeling vom Fraunhofer-Institut. Obwohl die Informationen in der Regel in den Vertragsbedingungen der Dienste zu finden seien, ist er überzeugt: „Die meisten Nutzer werden nicht wissen, dass das geschieht.“ Die meisten Freemail-Provider gäben nach einer Karenzzeit, die ebenfalls stark schwanken könne, eine einmal verfallene Adresse zur neuerlichen Verwendung frei.

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